La belle Epoque - Schatten einer vergangenen Zeit?

La belle Epoque - Schatten einer vergangenen Zeit?

Deutschland verfügt über eine weltweit gepriesene und nachgeahmte Errungenschaft: die soziale Marktwirtschaft. Dieses System ist so erfolgreich, dass junge Deutsche sich kaum für nationale Politik interessieren. Das sollte so nicht sein. Argentinien bietet erfrischende Beispiele dafür, wie Alt und Jung sich für ihre Interessen und die Geschicke des Landes engagieren.

Eindrücke aus Argentinien

In Argentinien ankommend, erkennt man schnell die Einflüsse europäischer Einwanderer: der Flughafen Ezeiza ähnelt stilistisch einer Miniatur des Berliner Flughafen Tempelhof, die Straßen duften nach italienischer Pizza und Sprache und Mode sind eigentümlich Spanisch.

In Jahren der Militärdiktatur stieg die Staatsverschuldung Argentiniens zwischen 1976 und 2001 von 8 Mrd. auf 160 Mrd. US$ an. Das führte in 2001 zum Staatsbankrott, mit der Folge, dass Staatsschulden nicht mehr bedient wurden, der Peso abgewertet, Sparguthaben eingefroren und das Vertrauen in den Staat auf einen Tiefstand sank.

Das argentinische Volk zog zu hunderttausenden durch die Strassen Buenos Aires. Alle sozialen Schichten und Altersklassen waren vertreten und nahmen engagiert ihr Schicksal in die Hand. Als Folge der Krise sozialisierten sich die Bürger Argentiniens. Anstatt in Geschäften bar zu zahlen entstanden Tauschbörsen, bankrotte Unternehmen wurden von Zusammenschlüssen der Mitarbeiter weitergeführt und die Matratze wurde wieder zum anerkannten Ort für Spareinlagen. Not macht erfinderisch und engagiert. Und das Engagement hält an, zum Beispiel für die Erneuerung des Gesetzes für Fernseh- und Radioemission.

Gestern, 8 Jahre nach der schweren Krise, gingen Argentinier jeden Alters mittags auf die Straße vor dem Kongress in Buenos Aires. Sie protestierten für den Antrag der Regierung zur Novellierung des 1980 von Diktator Videla eingeführten Mediengesetztes. In Argentiniens Medienlandschaft zeichnet sich derzeit eine Oligopolisierung der politischen Meinung bei drei großen Medienkonzernen ab. Der Markteintritt für unabhängige Gruppen ist verboten. Ziel des neuen Gesetzes ist es, unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen und ein Drittel der Radio- und Fernsehfrequenzen des Landes für gemeinnützige Organisationen bereitzustellen. Der Gesetzesvorschlag ist nur das Echo der Forderung des Volkes – und das Volk ist die Stimme der Demokratie, man spürt das überall, und sein Echo tönt bis aus dem Kongress.

Die unpolitische Jugend Deutschlands

In Deutschland gehen Menschen auch auf die Barrikaden: Arbeiter demonstrieren gegen Pläne für Werksschließungen, Umweltaktivisten gegen Kastortransporte, Bäuerinnen für höhere Milchpreise, Ärzte für höhere Löhne und Kindergärtnerinnen für mehr gesellschaftliche Anerkennung. Liegt es an unserem ruhigen Gemüt oder Desinteresse, dass wir erst bei starker Beeinträchtigung unseres individuellen Komfortbereichs aktiv werden?

80 Prozent der 20-35 jährigen Deutschen halten sich für unpolitisch. Parteienzugehörigkeit ist nicht cool, und für anderweitiges politisches Engagement scheint Interesse und Zeit zu fehlen. Welche Möglichkeiten gibt es, für das politische Geschehen und seine Auswirkungen mehr Interesse zu wecken? Wie werden wir mehr teilnehmen an den Geschicken unseres Landes?

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Ich heiße Simon Schnetzer, bin 30 Jahre alt und reise derzeit durch Lateinamerika. Ich bin nicht auf der Flucht, sondern auf der Suche: nach Inspiration für unsere Gesellschaft, und mich.